Ist Maria noch zu retten?
Die Atmosphäre Ihrer Bilder, lieber Herr Stern, hat mich vom ersten Augenblick an gefangen genommen und seither nicht mehr los gelassen. Das muss wohl der Effekt des „Nachleuchtens auf der Netzhaut“ sein, von dem Professor Ulrich Müller-Reimkasten in seiner Werkeinführung so poetisch sprach.
Am intensivsten erlebe ich das vor dem verspielten, scheinbar so harmlosen, Schlafmohnfeld („Heroin“): Das blühende Leben, duftig, verlockend, verführerisch. Der Anblick versetzt – allein durch seine atemberaubende zerbrechliche Zartheit – in einen rauschartigen Zustand, dem sich zu entziehen schwer fällt.
Für sich allein betrachtet zunächst nicht mehr als ein bezauberndes florales Motiv voller romantischer Verklärung, ein optischer Genuss, dem man sich nur zu gerne hingibt, der allerdings nicht lange ohne Wirkung bleibt. Der Titel des Bildes weist den Gedanken den Weg, und so schleicht sich mit leichtem Unbehagen der erste zartbittere Beigeschmack ein, sobald das Bild im Zusammenhang des Gesamtwerks wirkt. Plötzlich weht eine Ahnung der unterschwelligen Gefahr durch das Mohnfeld. Das verborgene Suchtpotential vergiftet die Idylle.
So präpariert verspürt man diese vage Doppeldeutigkeit beim Rundgang durch die Ausstellung auch in den anderen Bildern; mal mehr, mal weniger stark. Bis sich vor dem übermächtigen Bildnis Marias, als gefallenem Engel das Unbehagen schließlich zum Entsetzen verdichtet. Ein von den verheerenden Folgen der Sucht gezeichnetes Gesicht, dessen verzweifelter Blick den Betrachter förmlich zu durchbohren scheint. Maria als Junkie? Ein beklemmender Gedanke! Ihr stummer Hilfeschrei erfüllt die Kirche und jagt mir einen Schauer nach dem anderen über den Rücken.
Eindrucksvoller kann man die Ambivalenz unserer Lebenswirklichkeit kaum darstellen! Eine Ausstellung mit Tiefenwirkung!
Ich wünsche Ihnen, lieber Leo, alles Gute und vor allem viel Erfolg. Kämpfen Sie weiter wie ein Löwe, denn Ihr Stern scheint mir soeben erst aufzugehen.
Carmen SpechtDokumentarfilm-Portrait Leo Stern





